Wenn sich dein bester Freund outet.

Es ist Samstagmorgen, ungefähr 4, vielleicht auch schon fünf Uhr. Nach einer langen Nacht im Herzen Berlins befinden sich mein Mitbewohner und ich in der üblichen Wochenendodyssee nach Hause. Wir machen Späße, lachen lauthals und diskutieren über wirres Zeugs, auch um uns gegenseitig wach zu halten.

Irgendwann nimmt das Gespräch eine Wendung und bewegt sich in eine ernstere Richtung bis mein Mitbewohner ab einem gewissen Punkt vorsichtiger wird und beginnt, herum zu drucksen, als ob er sich bei dem, was er mir sagen will, nicht sonderlich wohl fühlt.
Wir kennen uns beide bereits seit über zehn Jahren, dementsprechend wissen und denken wir eine Menge über den Anderen. Ich ahne also bereits was er mir kurz darauf „beichtet“: Er ist homosexuell.

Man hat dieses Szenario im Kopf bereits hundertfach durchgespielt: Einer meiner besten Freunde outet sich – Wie sollte ich reagieren? Was kommt als Nächstes? Was für Erwartungen hat er an mich? Wünscht er sich vielleicht sogar mehr als „nur“ Freundschaft?
Aber in diesem Fall war es etwas anderes. Wie erwähnt, kenne ich ihn bereits eine sehr lange Zeit und hatte auch ein gewisses Bild von ihm entwickelt, welches die Option „schwul“ zu sein, nicht ausgeschlossen hatte. Von einem Verdacht zu sprechen wäre in diesem Fall zu viel gesagt, aber irgendwie habe ich diese Möglichkeit bei ihm nie ausgegrenzt. Ehrlich gesagt, hat es mich auch nie sonderlich interessiert. Es war (für mich) offensichtlich, dass ich selbst nicht homosexuell bin, was hätte sich also zwischen uns ändern sollen?

Als wir in unserer Heimatstadt die Entscheidung getroffen haben, nach Berlin zu ziehen, bin ich des Öfteren angesprochen worden, ob ich denn etwas über seine Ausrichtung wissen würde, oder zuvor in Erfahrung gebracht hätte.
Aber ehrlich gesagt, habe ich dieses Interesse nie wirklich verstanden. Für mich war klar, dass sich in unserer Beziehung zueinander nichts ändern würde, zumindest wollte ich das nicht. Ich war immer der Meinung, dass er es mir selbst sagen würde, sobald er den Drang dazu verspüren würde, was er letztendlich auch tat.

Dieses Gespräch ist etwa drei Monate her. Als ich damals sah, wie ihn dieses Thema belastete und wie vorsichtig er meine Reaktion erwartete, wusste ich, dass ich ihm die Angst nehmen muss. Ich versicherte ihm, dass er sich absolut keine Gedanken machen müsste und dass für mich alles beim Alten bleiben würde.

Ich versuchte mir vorzustellen, wir er sich wohl fühlte. Welche Ungewissheit ihn geplagt haben muss, wie meine Reaktion sein könnte, um sich schließlich dazu durch zu ringen, sich mir anzuvertrauen.
Im Nachhinein ist mir aufgefallen, wir sehr ich bei all dem auf mich konzentriert war: Ich dachte hauptsächlich an die Veränderungen und Auswirkungen, die auf mich zukommen würden und wie ich mich verhalten sollte.

Ich denke, dass es sinnvoller ist, sich in den Gegenüber hinein zu versetzen und sich klar zu machen, wie schwierig diese Situation für ihn sein muss, und vor allem, wie ich ihm Sicherheit geben kann.

Anton

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