Tag 1: Per Anhalter nach Budapest

8 Uhr, ich kann nicht mehr schlafen. Selten hatte ich eine so wild-durchträumte Nacht, scheint als Spiele mein Geist ein wenig verrückt wegen der bevorstehenden Reise. Also nutze ich die Zeit für letzte Vorbereitungen, nochmal meine Lieblingsmusik hören und die Wohnung ordentlich hinterlassen.
Um 11 Uhr geht es dann los zur S-Bahnstation Berlin-Schöneweide. Wir müssen feststellen, dass wir hier nicht wissen wo wir uns hinstellen können. Also ab zur Station Alt-Glienicke. Ein großer Park&Ride Parkplatz sowie eine Bundesstraße die direkt zur Auffahrt in Richtung Dresden führt. Nach 45 Minuten stellen wir fest, dass keine Sau für uns auf den P&R-Parkplatz fahren will, also noch ein gutes Stück entgegen der fahrenden Autos gegangen um uns auf den Seitenstreifen zu stellen. Die Sonne brennt höllisch, absolut niemand hält an, im Gegenteil manche Autofahrer zeigen uns den Mittelfinger, was ist hier los? Nach 90 Minuten beginnen wir zu grübeln ob wir nicht vielleicht einfach einpacken und den nächsten Last-Minute-Urlaub buchen sollten.

Simon an der starkbefahrenen Bundesbahn auf der Autofahrer auch gerne Mal den Stinkefinger zur Begrüßung ausstrecken.


Nach vollen zwei Stunden in der sengenden Hitze hält ein älterer Herr im Daewoo an:
“Hey Jungs, hab euch schon vorhin gesehen, als ich nach Berlin gefahren bin – kann euch ein Stück mitnehmen.” Wir jubeln und rasten aus, endlich beginnt der Trip: WAHNSINN!

Der Fahrer ist eher wortkarg, aber freundlich. Er muss nach Duben und versichert uns an der Raststätte vor der Ausfahrt heraus zu lassen. Plötzlich realisiert er, dass die Raststätte erst nach der Ausfahrt kommt, wir hoffen natürlich dass er uns noch bis dahin mitnimmt. Er entscheidet sich kurzfristig in der Ausfahrt nach Duben, in der Kurve zu halten und uns raus zu schmeißen. Super erster Abschnitt! Wir stehen in Duben – wer zur Hölle braucht Duben?

Gott sei Dank warten wir hier nur 5 Minuten bis uns ein Mercedes-GLK-Fahrer uns mitnimmt. Er macht uns keine guten Hoffnungen und sagt, dass heutzutage kaum jemand mehr zwei Personen mitnimmt. Zu groß sei die Gefahr. Er lässt uns an der nächsten Raststätte, nach Duben, heraus. Hier macht sich erste Ernüchterung breit, die Leute an der Raststätte schauen uns an wie Obdachlose und haben diesen starren Blick an uns vorbei. Etwas erschöpft ruhe ich mich auf einer Bank im Schatten aus, nachdem ich von zwei böse-blickenden Tschechen ob der Möglichkeit einer Mitfahrgelegenheit abgelehnt wurde. Mit einem Mal ruft Simon auf dem Handy an: “Digger, raff dich – wir haben einen!”

Ich sprinte zu unseren Sachen: Zwei Geschäftspartner in einer Mercedes E-Klasse mit voller Lederausstattung wollen uns bis hinter Dresden mitnehmen. So kann es weiter gehen! Sehr schnell sind wir im Gespräch mit den Jungs. Der Fahrer, seines Zeichens erfolgreicher Unternehmer und sein Sidekick, der sein Geschäftskollege sein muss, erzählen uns von dem Leben in Amerika, München und Berlin. Quintessenz: Mit einer Rolex am Arm kommst du in jeden Club!
Tatsächlich sind die Jungs aber sehr freundlich, lustig und vor allem hilfsbereit.

In Dresden treffen wir erste andere Tramper. Einen Amerikaner der sich nach 20 Jahren Ehe von seiner Frau getrennt hat, sie habe nun alles, er nichts, also trampt er nun durch Europa und verdient sein Geld mit seiner Gitarre. Cooler Kerl! Der andere Tramper scheint der Halbbruder von Jesus zu sein. Zweihundertsechzig-Tage-Bart, Popel im Übergang von Nasenhaar zu Barthaar und eine Indien-Schlabber-Freiheitshose in beige: Mal gucken wer schneller vom Fleck kommt!

Der Amerikaner war so nett und gab uns einen seiner leeren Kartons. Dieses Mal schrieben wir die Stadt in größeren Lettern auf das Schild, nach dem man die vorherigen kaum lesen konnte.

Für das zweite Mal sind wir schon gut eingespielt. Simon steht am Rastplatzende, ich laufe durch die Reihen der parkenden Autos und LKW’s mit dem Schild PRAHA. Schön wenn alle auf russisch, tschechisch und polnisch antworten, ich aber nie etwas verstehe. Einfache Gesten sind hier angesagt, Daumen hoch, Daumen runter – leider nur letzteres.
Die Wolken ziehen sich zusammen und wie ein alter Seefahrer, vielleicht auch wie ein echter Legolas, sagt Simon: “Es wird Regen geben.” Aber irgendwie stört uns das nicht, wir haben richtig bock im Freien zu schlafen! Eh wir uns versehen hält ein Tscheche im weißen Skoda an und brabbelt irgendwas von Usti nad Labem: Mein Notizbuch verrät uns, das liegt auf der Strecke!
Die Fahrt ist absolut mit Schweigen erfüllt, sein englisch ist mickrig, unser tschechisch nicht existent, immerhin versteht er es uns an einer Raststätte heraus zu lassen: GEIL – Wir sind in Tschechien!

100 km vor Prag sitzen wir nun also in Usti nad Labem. Es beginnt zu dämmern, auch hier zieht sich der Himmel zu – in der Ferne blitzt es bereits. Wir tauschen jeder 20 Euro in Tschschiche Kronen um. Simon quatscht alle LKW-Fahrer an, doch diese fahren erst am kommenden Tag los. Blöde Sache. Es beginnt zu regnen und zu stürmen – im Freien zu schlafen wirkt längst nicht mehr so sexy…
Um meinen Companion aufzupeppeln kauf ich uns beiden ein tscheschiches Bier. Wie echte Penner setzen wir uns auf Pappkartons vor die Tankstelle die ein wenig schützt vor dem Regen. Wir halten einfach stets unser PRAHA-Schild hoch. Wir lernen einen Deutschen kennen der nach Prag fährt um dort als Deutsch-Lehrer im Rahmen eines Austauschprogramms zu arbeiten, das Problem: Der Wagen ist komplett voll beladen.
Dann lernen wir Tibor kennen. Tibor ist Gastronom aus Leipzig und will seine Freundin 30 km von der Raststätte entfernt besuchen. Wir quatschen ihn an, doch erstmal muss er sich eine Bockwurst gönnen. Später als er draußen steht scheint er gedankenversunken, offenbar hadert er mit sich, ob er uns mitnehmen soll. Wir quatschen einfach mit ihm, in der Hoffnung dass er uns dann aus reiner Sympathie mitnimmt. Scheinbar war genau das der Auslöser, dass er sagte: “Okay, wisst ihr was? Ich schreib jetzt meiner Freundin, dass ich noch kurz nach Prag fahre”
Kurz war da eher optimistisch, ein Umweg von zwei Stunden. Aber während der Fahrt stellt sich heraus, dass er früher auch viel getrampt ist, selbst durch Afrika – so viel dazu, trampen ist also wirklich überall möglich!
Um 23 Uhr sind wir dann nach 11 Stunden endlich in Prag. Prostituierte begrüßen uns sehr freundlich, die an der Tanke gekaufte Stadtkarte ist ihre 6 Euro überhaupt nicht Wert, also rufen wir ein Taxi.
Der Taxifahrer ist clever und nutzt einen Navi, er ist sogar so clever uns original einmal um den Block zu fahren und dann 4 Euro zu verlangen. Egal – wir sind angekommen: Hostel Miss Sophies. Natürlich haben wir nichts gebucht und doch haben wir das Glück noch zwei Betten zu bekommen.

Gute Nacht,

Christian

Der Vortag der Abreise
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