Ein Nachtclub namens Berghain

Die Geschichte beginnt wenig extatisch mit einer Wartezeit von gefühlten zwei Stunden. Warten, vor einem der begehrtesten Clubs der Welt. Vor mir Italiener, dahinter Spanier, dahinter Dänen und irgendwann auch eine Gruppe zugezogener Provinz-Deutscher, die sich nun als waschechte Berliner ausgeben. Einer der Italiener erzählt mir in gebrochenem Englisch, er sei vorhin in Tegel gelandet, vom Flughafen direkt hierher, kein Gepäck. Freunde hätten ihm berichtet, wie nackte Menschen den Club belagern und wilde Sexorgien feiern. Das habe sein Interesse geweckt. In seiner knallgelben Snowboardjacke allerdings, denke ich, wird er vom Tür-Gott Sven Marquardt wohl eher eine Abfuhr kassieren.

Die Warteschlange kriecht quälend langsam vorwärts. Immer wieder kommen einem Abgewiesene mit gesenkten Köpfen aus Richtung Einlass entgegen, was die eigene Anspannung steigen lässt. Darf ich mitfeiern, oder muss ich ins nahegelegene ehemalige Maria ausweichen?

Quälende Gedanken, frieren, ausnüchtern. Warten.

Ganz knapp vor der Tür kippt die Stimmung. Fast keiner sagt mehr etwas. Die Türsteher sind in Sichtweite und strahlen eine gnadenlose Dominanz aus. Ab jetzt zählt nur noch cool bleiben und nicht zu aufgeregt wirken. Die Tür des Clubs gleicht einem Schlund, in den man hinein gesogen und auf der anderen Seite in einer technoiden Welt ausgespuckt wird. Jeder will seine eigene Geschichte aus dem Berghain mit nach Hause nehmen. Die Italiener werden unruhig. Sie tun das, was ich spontan als No-Go einstufe: Konversation mit den Selekteuren an der Tür betreiben. Die zaghaften Annäherungsversuche werden von erprobten bösen Blicken der Berghain-Galionsfiguren im Keim erstickt. Dann plaudern sie halt unter sich weiter. Gibt es eine Steigerung von No-Go? Der Türsteher wirft einen gleichgültigen Blick auf den Mann in der gelben Wintersportjacke, schüttelt stumm den Kopf und bedeutet der Gruppe den Weg frei zu machen. Da hilft auch kein diskutieren. Fragen nach einem Warum werden schlicht ignoriert.

Jetzt bin ich dran. Ich stehe an vorderster Front im Vergnügungsgefecht. Der Türsteher ergreift nach langem rhetorischem Schweigen nun endlich das Wort: „Janz allene?“ – „Jau“. Mein erster Pluspunkt. Zum Glück kann ich ein paar DJ Namen nennen, als mich der Mann am Einlass zur Kontrolle fragt, wer denn heute auflegt. Pluspunkt Nummer zwei, mit Sternchen. Ja, ich habe meine Hausaufgaben gemacht. Ich darf mitspielen. Die Transformation zum Techno-Jünger kann also beginnen. Direkt hinter der Tür befiehlt ein schroffer Typ keine Fotos zu machen, während er mich nach Drogen und Waffen durchsucht. Keine Waffe gefunden, Drogen ja wohl erst recht nicht. In der mächtigen Eingangshalle wummern die Beats dumpf durch meterdicke Betonwände und vermitteln eine Vorstellung von dem, was auf der Tanzfläche vor sich geht. Drogenindizierter, endorphingeschwängerter, kollektiver Wahnsinn.

Auf einem Sofa in einer dunklen Ecke haben sich zwei halbnackte Männer ineinander verkeilt und ringen miteinander. Oder Ficken. Genau kann man das nicht sagen.

Meine innere Transformation setzt ein. Die eigentliche Identität habe ich draußen abgegeben. Ich bin jetzt ein anonymer Söldner der Partyguerilla. Das Verruchte liegt in der Luft des Clubs. Eine geheimnisvolle Aura durchzieht die dunklen Gänge, in denen man häufig auffordernd angeblickt wird. Ich versuche, dem intensiven Augenkontakt mit den Schwulen auszuweichen, um keine falschen Hoffnungen zu wecken. Ich trinke mich langsam warm. Bier und Schnaps.

Auf den Unisex Toiletten werden Drogen jeglicher Couleur feilgeboten. Speed, MDMA, Extasy. Hier kommt jeder auf seine Kosten. Auf der Tanzfläche wird energetisch gestampft. Die Menschen marschieren mehr, als dass sie tanzen. Glasklarer Sound hämmert aus der überdimensionalen Soundanlage der britischen Boxen-Schmiede Funktion One, die der Berliner Senat mitfinanziert hat, und die sich in ihrer Einzigartigkeit dadurch auszeichnet, Höhen und Tiefen messerscharf von einander zu trennen. Das wohltuende Resultat dieser millionenschweren Investition, wird einem vor allem beim Verlassen der heiligen Hallen bewusst: No Tinnitus.

Ich begebe mich in eine der Chill-Ecken abseits des Tanz-Troubels und aktiviere den Beobachtungsmodus. Hierher zieht es das erschöpfte Partyvolk, wenn die Drogen abklingen, oder zum fummeln. Die Meisten hier haben die beste Zeit des Abends bereits hinter sich. Mit leeren Blicken sitzen sie beinewackelnd oder kaugummikauend da und trinken Unmengen an Wasser. Sie wirken wie eingewechselte Ersatzspieler auf der Reservebank nach stundenlanger, selbstloser Ertüchtigung. Ein wirklicher Höhepunkt der Party lässt sich nicht wirklich bestimmen. Irgendwie ist immer jemand in Extase oder schreit euphorisch. Wenn man wollte, könnte man tatsächlich ein ganzes Wochenende auf dieser niemals enden wollenden Party verbringen.

Eine Portugiesin steuert direkt auf mich zu. Trotz ausreichend freier Sitzgelegenheiten, lässt sie sich direkt neben mir nieder und schaut mich durchdringend an. Dann redet sie auf mich ein. Leider verstehe ich ihr portugiesisch nicht. Als auch sie bemerkt, dass ich keiner ihrer Landsleute bin, steckt sie mir unvermittelt ihre Zunge in den Hals.

Abgang.

Henning

This entry was posted in Ausgehen, Fragen and tagged . Bookmark the permalink.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

You may use these HTML tags and attributes: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>