Der Hauptstadtclub

Ein Club am Berliner Kuhdamm der Weltstadtfeeling versprühen soll, jedoch bloß provinzielle Prolls anzieht. Genau hier, wo man sich für 50 Euro am Abend einen VIP-Bereich mieten kann, der sich dadurch auszeichnet, etwa fünf Zentimeter über dem Areal der Normalsterblichen emporzuragen, hier findet sie statt, die, man kann es garnicht anders sagen, Verdummung.

Junge Männer Anfang zwanzig in zu engen Shirts mit zu großen Oberarmen, braun gebrannt, das Seitenhaar kurz geschoren, tätowiert, gepierct, warten hier. Warten auf ihre Chance. Die Chance Jaqueline, oder Mandy, oder gleich beide, mit nach Hause zunehmen. Diese Mandys und Michelles, ebenfalls braun gebrannt, Augenbrauen schmal gezupft, pinke Tops tragend, kommen hier her, um von ihren Prinzen erobert zu werden. Ob Kevin, oder Ronny, spielt keine Rolle. Stark muss er sein, ein Mann muss er sein, so ein richtiger. Die Fähigkeit der klaren Artikulation gerät ob der ohnehin viel zu lauten Musik gerne mal ins Hintertreffen.

Er hat so starke Arme, denkt sie, während sie am Wodka-Red-Bull nippt und den vorm Spiegel geübten Augenaufschlag vorführt.

Was er sagt, was er macht, wer er ist – all das ist ihr egal, solange er gelegentlich ein Kompliment für ihre echt geilen Titten macht. Die Masche funktioniert, die hat er aus Berlin Tag und Nacht.

Hinter der Bar wird heftig geflirtet. Unter den Kollegen und ein bisschen auch mit den Gästen. Das lässt einige der Ritter aus dem Oberhavelland zu Hochtouren auflaufen. Ein besonders prächtiges Exemplar hat durch ausgedehnte Machtdemonstrationen mittels wiederholtem Anspannen des Bizeps, den Platz an der Bar für sich beansprucht und lädt die kohlrabenschwarz gefärbte Bedienung auf einen Schnaps ein. Während er sich das hochprozentige Gesöff in die Kehle schüttet, entleert sie ihr kleines Glas unauffällig im Ausguss. Dann zwinkern sie sich zu, der Ritter bleibt glotzend stehen, sie bedient weiter. Eine junge Dame im Minirock, keine zwanzig, Promotion Managerin, versucht die Facebookaccounts der Besucher gegen ein Glas Sekt einzutauschen. Großgewachsene, glattrasierte Männer halten die kleinen Gläser in ihren riesigen Händen und geben dem stark geschminkten Mädchen bereitwillig Auskunft über ihre persönlichen Kontaktdaten, willigen ein, von nun an einen monatlichen Newsletter und weitere Specials zu erhalten. Yeah.

Mittendrin, in diesem Trubel, diesem Mix aus Alkohol, Adrenalin und Endorphin, ein Kamerateam von RTL II. Ein Redakteur begleitet mehrere Protagonisten, die, wie er sagt, coolsten Party-People der Republik.

Zwischendurch investigative Nachfrage: „Wie findest du das jetzt, dass Josie nicht auf deinen Flirt reagiert und sich stattdessen lieber mit Marco unterhält?“, „Ey die Schlampe kann mich mal, ich schwöre alter, was will die?“

Zweifellos ein gelungener O-Ton. Der Redakteur setzt ein genüssliches Gesicht auf und nickt dem Protagonisten unentwegt in die dümmliche Visage. Mehr, gib mir mehr du Assi. „Und was ist mit Marco? Lässt du dir von dem jetzt einfach dein Mädchen ausspannen, oder was?“ Setzt der Mann hinter der Kamera nach. Der Protagonist, der sich selbst als Hartz-IV-Promi bezeichnet, guckt wütend zu seinem mit Josie flirtenden Kumpel Marco herüber, schnaubt, läuft rot an, stürmt los. Der Redakteur ist außer sich vor Freude, packt den Kameramann an der Schulter und reißt ihn mit sich. „Halt drauf, halt drauf, komm schnell“. Wie Gladiatoren liefern sich die zwei Halbstarken im Scheinwerferlicht der Kamera ein Duell der Unterschicht.

Vollkommen erregt werfen sie sich Tautologien wie du Hurennutte und Neologismen á la Kackarschfotzensau an die Köpfe, bis ihr unergründlicher Wortschatz ausgeschöpft ist und von brachialer körperlicher Gewalt abgelöst wird.

Nach den ersten heftigen Faustschlägen, zieht sich das Kamerateam zurück und verlässt den Spielort. So viel Realität auf einmal, ist für gescriptete Trashproduzenten nicht zu ertragen. Die Stimmung der Party ist auf dem Höhepunkt. David Guetta und Flo Rida heizen dem Publikum, das die Texte in Fantasie Englisch mit grölt, ein. Der Alkohol hat seinen beseelenden Schleier über die Tanzfläche gelegt, verstärkt die Ausschüttung der Pheromone von Männlein und Weiblein. Hemmungslose Knutschorgien mitten auf der Tanzfläche, ungeniertes Heavy-Patting in der Chill-Lounge. Wer jetzt noch keinen Sexualpartner gefunden hat, beobachtet besonders konzentriert das verbliebene Publikum. Es gilt, die letzten Prachtstücke zu erobern, bevor sich einem nur noch die Outlaws vor die Füße werfen. Doch bevor es soweit ist, verlasse ich das Lokal, trete auf den Bürgersteig, vorbei an streitenden Russen oder Polen, die vorm Eingang um fünf Uhr morgens auf Einlass bestehen, und falle müde ins Taxi.

Ein Abend, der meine Klischees bestätigt.

Henning

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